Archiv des Autors: Bericht NOZ 09.07.19 von Johannes Kapitza

Mehr Platz für das Leistungsschwimmen im Schulalltag

Sport und Schule sollen für Schwimmer wie Joel Wernner durch eine neue Kooperation besser in Einklang zu bringen sein.

Die Angelaschule, die Thomas-Morus-Schule und der VfL Osnabrück als Betreiber des Schwimm-Landesstützpunktes haben sich vorgenommen, Leistungssport und schulische Herausforderungen besser in Einklang zu bringen. Ab dem neuen Schuljahr gilt eine Kooperation.

Wenn sich Lehrgänge, Wettkämpfe und wichtige Klausuren überschneiden, sind Nachwuchsschwimmer schnell in der Zwickmühle. „Zurzeit ist es durchaus der Fall, dass jemand im Rahmen eines längeren Wettkampfs eine Klausur schreiben muss“, sagt Otto von der Heide und weiß um die Bredouille: „Wenn man hin- und hergerissen ist, kann man nicht ordentlich Leistung bringen: Das gilt dann sowohl für die Klausur als auch für das Schwimmen.“ Aber dass jemand die Teilnahme an einer Deutschen Meisterschaft absagen muss, weil eine wichtige Klausur nicht nachgeschrieben werden kann, „das geht nicht“, findet der Schulleiter der Angelaschule. Mit der Kooperationsvereinbarung, die die beiden Schulen und der Verein nun unterzeichnet haben, ist eine Grundlage für bessere Zeiten geschaffen. Auch die Nachschreibemodalitäten sind geregelt. Statt Grauzonen gibt es nun klare Absprachen.

Probleme schon im Trainingsalltag

Nicht erst bei Klassenarbeiten zeigt sich das Spannungsfeld, sondern schon im Trainingsalltag. „Das Frühtraining geht bis 7.30 Uhr, aber nur ganz wenige können so lange trainieren, weil entweder der Weg zur Schule zu lang ist oder die Schule zu früh beginnt“, sagt Janina Braun, Cheftrainerin am Stützpunkt des Landesschwimmverbandes Niedersachsen (LSN). Durch die Kooperation können die Schüler auch mal länger beim Frühtraining bleiben oder in ihren Freistunden im nahe gelegenen Nettebad trainieren.

Krogull freut sich über Verständnis für den Leistungssport

Genauso wichtig wie die kleinen organisatorischen Erfolge ist der generelle Fortschritt. „Ich weiß, wie schwierig es war, meinen Sohn in einer Schule unterzubringen, in der Schulleitung und Lehrer Verständnis für den Leistungssport hatten“, sagt Harry Krogull, Schwimm-Abteilungsleiter beim VfL und Vater des früheren Leistungsschwimmers Jeremy-Jay Krogull-Hull.

Schulleiter: Man muss die Kinder ganzheitlich sehen

Aus Sicht von Matthias Wocken müssen sich die Interessen von Leistungssport und Schulbetrieb nicht gegensätzlich gegenüberstehen. „Man muss die Kinder ganzheitlich sehen“, sagt der Leiter der Thomas-Morus-Schule. Die Kinder auf ihrem Weg zu begleiten, „bedeutet mehr als reine Bildungsvermittlung und am Ende einen Abschluss“. Im Sinne der Kinder gelte es, auch die Talente zu fördern, die sich nicht direkt in Schulnoten ausdrücken.

„Wesentlich einfacher, wenn Institutionen direkt miteinander sprechen“

Dass sich Schwimmverband und Schulen eine engere Zusammenarbeit auf die Fahnen schreiben, ist für Winfried Verburg der richtige Schritt. Jede Institution habe immer auch ihre eigenen Interessen, sagt der Vorstand der Schulstiftung im Bistum Osnabrück, die Träger der beiden beteiligten Schulen ist. „Wenn die Schüler selbst zwischen diesen Interessen vermitteln müssen, ist das nicht immer ganz leicht. Es ist wesentlich einfacher, wenn die Institutionen direkt miteinander sprechen.“

Arbeiten zusammen im Sinne des Sports: Um die Kooperation zu besiegeln trafen sich (vorne, von links) Matthias Wocken (Schulleiter der Thomas-Morus-Schule), Stützpunktleiter Martin Brandt, Otto von der Heide (Schulleiter der Angelaschule) sowie (hinten, von links) die Thomas Schiffbänker (Fachkonferenzleiter Sport an der TMS), Stützpunkttrainerin Janina Braun und Sonja Hänsel (Fachkonferenzleiterin Sport an der Angelaschule). Foto: Johannes Kapitza

Planungssicherheit soll Schulwechseln vorbeugen

Durch das Entgegenkommen im Einzelfall werde der organisatorische Ablauf in der Schule nicht gestört, glaubt Wocken. Zunächst betrifft die gemeinsame Vereinbarung nur vier der rund 25 Leistungsschwimmer, die noch zur Schule gehen. Die Zusammenarbeit ist zumindest ein Ansatz, dass die Zahl nicht kleiner wird. Es habe Schüler gegeben, die einen Wechsel ins LSN-Internat nach Hannover erwogen hätten, um Schwimmen und Schule besser vereinbaren zu können, berichtet Schulleiter Von der Heide.

Stützpunktleiter Brandt: Konzept vor Ort fruchtet

Ein Wechsel ins Sportinternat passe nicht immer in die Lebensplanung „oder man will den Kindern diesen Schritt nicht zumuten“, sagt Martin Brandt, Leiter des LSN-Stützpunkts. Mit der Kooperation sei nun gesichert, dass nicht nur zentral in Hannover, sondern auch lokal in Osnabrück Leistungssport betrieben werden kann. „An den Erfolgen sieht man, dass dieses Konzept auch fruchtet“, sagt Brandt. Eltern und Kinder haben nun mehr Planungssicherheit in ihrer Heimat.

VfL strebt Kette vom Kindergarten bis zur Hochschule an

Krogull hofft, dass die Schwimmer auch für andere ein Vorbild sind, wenn es um den Doppelpass zwischen Schule und Sport geht. „Wir müssen schauen, dass wir in Osnabrück die Rahmenbedingungen schaffen, dass die Sportler hierbleiben können“, sagt er, „sonst wandern viele Sportler weiter aus“. Die VfL-Schwimmer haben sich bereits „eine Kette der Ausbildung aufgebaut, mit der wir Sportler sehr lange betreuen können“, sagt Krogull stolz. Von 15 Kindergärten bis zu den Hochschulen gibt es schon entsprechende Verbindungen – nur bei den Grundschulen klafft noch eine Lücke.

„Daraus kann sich noch mehr ergeben“

Weil der VfL seinen Leistungsschwimmern den Besuch einer Kooperationsschule nahelegt, dürfen die Bildungseinrichtungen auf Zulauf hoffen. Beim Sponsorenschwimmen der Thomas-Morus-Schule im kommenden Januar hat wiederum der VfL eine Chance, die Kinder hinsichtlich ihres Schwimmtalents zu sichten. „Daraus kann sich noch mehr ergeben“, sagt Wocken. Die Kooperation steht ja noch ganz am Anfang.